Wie Eschweger Turner 1920 die neue Sportart Handball im Werratal einführten
ESCHWEGE. Als die Deutsche Turnerschaft 1920 ihren Vereinen empfahl, eine neue Sportart, „das Handballspiel in den Spielbetrieb aufzunehmen“, traf der Turnerdachverband vor allem in Eschwege auf offene Ohren.
Georg Holzapfel, damals Vorsitzender des Seminarsportvereins, schilderte 1955 in einem Beitrag in der Werra-Rundschau, wie dieser Sport 1920 auch im Werratal heimisch wurde: „Wir in Eschwege spürten sofort, welche Vorteile der Handball für die körperliche und geistige Ertüchtigung der Aktiven hatte.“
Mut, sich zu öffnen
Nicht nur bei Georg Holzapfel, auch bei Ernst Henneberg vom TV 1848 und Ernst Heuckeroth vom TV Jahn kam der neue Sport gut an. In allen drei Vereinen wurde jetzt Handball gespielt. Der Mut der Eschweger, sich so schnell diesem Sport zu öffnen, trug dazu bei, dass sich Eschwege innerhalb weniger Jahre zu einer Handball-Hochburg in Nordhessen entwickelte. In anderen nordhessischen Gemeinden dauerte es zum Teil wesentlich länger, ehe der Handballsport dort Fuß fasste. Die Eschweger Turner sind also so etwas wie die Pioniere dieser Sportart in Nordhessen.
Obwohl es der Handballsport in den ersten Jahren sehr schwer hatte, sich gegen „König Fußball“ zu behaupten, fanden auch einige Clubs im Kreis Gefallen an dem Sport: Mannschaften bildeten sich 1922 in Datterode und 1923 in Grebendorf. In Wanfried und Weißenborn wurden 1928 die ersten Mannschaften zusammengestellt, in Altenburschla 1929. Ein Jahr später, 1930, spielten auch Handballer in Reichensachsen und Bad Sooden-Allendorf. In Jestädt, Röhrda und Völkershausen setzte sich der Handballsport erst nach dem Weltkrieg durch.
„Nennt es Rammelball“
Von den Fußballern zum Teil mit höhnischen Bemerkungen begleitet („Nennt euer Spiel doch Rammelball!“) „ließen wir uns aber nicht beirren - unser Ehrgeiz erwachte“, erinnerte sich Pionier Georg Holzapfel. Der Seminarturnverein dominierte bis 1924 im Turnkreis Oberweser, gewann die ersten Stadt-, Kreistitel und Gautitel, zog sogar ins Finale um die Westdeutsche Meisterschaft ein, wo er Union Düsseldorf mit 1:6 unterlag.
Ab 1927 trumpften dann der TV Jahn und der TV 1848 auf. So dominierte der TV Jahn Jahre lang im 7. Turnkreis, holte vier Gautitel nach Eschwege, darunter den 1928 mit einem sensationellen 9:1-Sieg gegen den hohen Favoriten Polizei Hann. Münden. Das Kasseler Tageblatt: „Die Eschweger spielten Katz´ und Maus mit dem Gegner“. Dominanz der Eschweger Vereine mit vielen Siegen und Erfolgen auch in den 30er-Jahren. Der Zweite Weltkrieg beendete 1939 das Hoch des Eschweger Handballs. Aktivitäten nur durch „Winterhilfsspiele“, in denen eine Eschweger SG sich Mannschaften aus dem Kasseler Raum stellten.
Der Anfang war schwer
Nach der Besetzung Eschweges am 3. April 1945 durch die US-Besatzungsmacht war es in Eschwege und Umgebung sehr schwer, den Sport wieder anzukurbeln. Die Besatzer verboten alle Aktivitäten. Die ersten Vereins-Anträge zur Wiederzulassung verwarfen die Behörden. Erst nach dem vierten Antrag des TV 1861 und dem Beibringen von 750 Unterschriften kam am 15. Juli 1946 das Ja der Militärbehörden. Da aber frühere Vereinsnamen mit Jahreszahlen erst nicht zugelassen waren, wählten die Eschweger für den ersten Verein die Bezeichnung Turn- und Sportverein 1946 Eschwege (Tuspo Eschwege), dem schon 575 Mitglieder angehörten. Wenig später wurden auch der RSC Niederhone und der TuS Reichensachsen zugelassen.
Die Handballer wurden zuerst aktiv, eher als die Fußballer. Bereits am 3. Februar 1946 traten die Eschweger Handballer bei großer Kälte und über 1000 Zuschauern gegen Kassel-Wihelmshöhe an, verloren 5:7. Die Fußballer zogen erst am 17. Februar mit den ersten Punktspielen nach. Auch in Grebendorf, Bad Sooden-Allendorf, Niederhone, Jestädt, Weißenborn, Sontra, Datterode und Röhrda, 1947 auch in Wanfried und Altenburschla, 1948 in Weißenborn und Völkershausen flog der Handball wieder. Den höchsten Sieg der ersten Runde feierte der RSC Niederhone, der das Team aus Sontra 21:1 besiegte und 1946 auch die erste Kreismeisterschaft vor der Eschweger „Zweiten“ gewann.
Ab 1946/47 spielten gleich zwei Eschweger Vereine auf Bezirksebene: Die TSG Jahn/Eintracht (Landesliga) und der TV 1861 in der Kreis- und Bezirksklasse. Zum ersten direkten Aufeinandertreffen kam es 1948 im Kreispokalfinale, das die TVer vor 2000 Zuschauern überraschend 9:8 gewannen. In den Jahren danach pendelten die Jahner und TVer ständig zwischen Landes- und Bezirksliga hin und her.
Die Jahn/Eintracht von Alfred Lieberknecht trug ab 1953 auch einige Testspiele gegen hochklassige Gegner aus. Nach dem Idrottsclubb Göteborg (12:6-Sieg) und ATSV Linz (17:18-Niederlage) war der Deutsche Handballmeister Polizei Hamburg mit den Nationalspielern Werner Vick und Wolfgang Höhns auf dem Werdchen zu Gast, siegte vor über 4000 Zuschauern 23:9. 1955 zum zweiten Mal, wo der Gast vor 2000 Zuschauern 24:11 gewann. Höhns meldete sich sogar bei den Jahnern an, machte einige Freundschaftsspiele mit.
Erfolge auf dem Großfeld feierte aber auch der VfL Wanfried, der 1958 sogar in die Verbandsliga aufstieg. Nachbar TSV Völkershausen brachte es bis 1973 auf sieben Meistertitel auf dem Großfeld und in der Halle. Auch Weißenborns Männer sammelten in den 70ern viele Kreistitel. Klasse Handball auch in Bad Sooden-Allendorf, Datterode, Röhrda, Altenburschla und Heldra, ehe Letztere sich in den 80ern zu Spielgemeinschaften zusammenschlossen. Großartige Erfolge in der Halle feierten auch die Mädchen und Frauen der TSG Bad Sooden-Allendorf, die in den 70er und 80er-Jahren bis ins deutsche Jugend-Endspiel vordrangen, die Frauen sogar bis in die Regionalliga aufstiegen.
1950 erste Hallenspiele
Neben dem Großfeld-Handball sammelten die Vereine aber schon früh auch erste Erfahrungen im Hallenhandball. 1950 spielte eine Eschweger Mannschaft bei den Bezirksmeisterschaften in Kassel. Am 15. Januar 1950 richtete die Jahn/Eintracht in der Halle der Hindenburg-Kaserne die erste inoffizielle Hallen-Kreismeisterschaft aus, bei der schon 20 Mannschaften starteten. Das Finale gewann die Jahn/Eintracht mit 14:4 gegen den TSV Jestädt.
Diesem Turnier folgten weitere. Jedenfalls gewann das Hallenhandballspiel in den 50-er-Jahren in Eschwege und im Kreis immer mehr Anhänger. Einige Vereine fuhren sogar zweigleisig, spielten Großfeld und Hallenhandball. Die Jahn/Eintracht, die auch in der Hallen-Verbandsliga spielte, wurde 1959 hinter Kirchbauna sogar Bezirks-Vizemeister. Vor allem wegen der 65 Tore des wurfgewaltigen Horst Schäfer. In diesen Jahren deutete sich immer mehr an, dass der Trend weg vom Feldhandball hin zum heute verbreiteten Hallenhandball ging.
Bis in die 2. Bundesliga
Ab 1960 ließ das Interesse der Vereine am Großfeld-Handball immer mehr nach, die Hallenrunden rückten in den Mittelpunkt. 1971 das Aus für das Großfeld in Eschwege. Der Zusammenschluss 1968 von Jahn/Eintracht und TV 1848 zum Eschweger TSV gab dem Handball in der Kreisstadt einen weiteren Schub. Junge Spieler kamen zum Einsatz, die sich in der Heuberg-Sporthalle sehr wohl fühlten und über 300 Zuschauer begeisterten. Mit dem Jugend-Nationalspieler Ulrich Faber reichte es zum Aufstieg in die Verbandsliga.
Als Faber nach seinen Gastspielen in Gensungen und Eitra 1986 als Trainer und Spielertrainer nach Eschwege zurückkehrte, wurden beim ETSV die Weichen für eine Erfolgsserie gestellt, die den Club über die Ober- und Regionalliga 1998/99, zuletzt mit dem Trainerduo Janeck/Schröder, bis in die 2. Bundesliga führten. Es reichte aber nur zu zwei Jahren Bundesligaluft in Eschwege, 2000/01 meldete das Team sportlichen und finanziellen Konkurs an. Wie es dann in Eschwege und Umgebung mit dem Hallenhandball weiterging, wird bald Thema in einem weiteren Beitrag sein.